Stadttheater Giessen
    Die Entdeckung der Langsamkeit

    Die Entdeckung der Langsamkeit


    „Dickhäuter - Ein Elefantentreffen“ : Choreografien von  Tarek Assam und Mirko Hecktor im TiL


    Naheliegend, dass in einer Stadt, die ein Elefantenklo ihr Wahrzeichen nennt, auch einmal ein Treffen der »Dickhäuter« stattfindet. Allerdings nur im übertragenen Sinn: Weder die realen Rüsseltiere, noch dickhäutige Politiker trafen sich, sondern ein Teil der Gießener Tanzcompagnie im Theaterstudio im Löbershof (TiL).

    Tarek Assam, Ballettdirektor am Stadttheater, hat sich das Thema rund um das menschliche Miteinander ausgedacht und zu seiner Umsetzung wieder einmal Mirko Hecktor aus München dazu gebeten.

    Eine bewährte Zusammenarbeit, hat der einstige Tänzer, freiberufliche Choreograf und Musiker, zudem Absolvent der Gießener Theaterwissenschaften, doch bereits bei den Tanzstücken »Fabelhafte Marlene« (2007), »Welt der Engel« (2008) und »Gustav Nachtigall« (2010) ideenreich mitgestaltet.

    Auch diesmal dürfen Tanzinteressierte sich auf Neues gefasst machen, weniger visueller denn akustischer Art. Das, was Hecktor beim Zusammenmischen von Sounds sonst am Computer vorbereitet, setzen in diesem Stück die Tanzenden live auf der Bühne um. Die Audio-Installation hat Hecktors Kompagnon Daniel Kluge realisiert.

    Im ansonsten schmucklosen schwarzen Bühnenraum liegen drei verschiebbare Reihen von Sound-Pads am Boden, die bei Berührung unterschiedliche Klänge von sich geben. Das reicht von Hupen und Scheppern über gesprochene Worte bis zu kleinen Melodien. Nicht immer ist eindeutig, ob das zu Hörende gerade produziert wird oder aus den Boxen kommt, doch sind diese Momente der verwischten Klanggrenzen auf ihre Weise höchst spannend.

    Selten gehörte Musikauswahl

    Auch die Musikauswahl ist wieder einmal ganz besonders, kein Mainstream, sondern selten Gehörtes: etwa die Percussionistin Evelyn Glenny mit ihrer Interpretation von »Born to be wild«, Geigen, die fröhlich zum Tanz gezupft werden, oder buddhistische Gebete in dröhnenden Bässen. Insgesamt bleibt der Eindruck eines geradezu hypnotischen Klangteppichs, der einen nicht nur in fremde Länder versetzt, sondern gar ins Weltall katapultiert. Dieser Eindruck wird durch das Bühnengeschehen verstärkt, das sich im permanenten Dämmerlicht abspielt und selbst in den graubraunen Kostümen keine Farbakzente setzt. Alles ist auf das Hören und die tanzenden Körper fokussiert, nichts lenkt davon ab.
    Pro Vorstellung tanzt jeweils die Hälfte der Tanzcompagnie, die sechs zelebrieren in ihren Bewegungen die Entdeckung der Langsamkeit, ganz so wie man es sich bei schwerfällig-massigen Dickhäutern vorstellt. Dann wieder bewegen sie sich in Duetten leicht und flink, zeigen zu dritt Kontakt-Improvisationen als vollendete Kunstform oder scheinen sich im schwerelosen Raum in Zeitlupe zu bewegen. Nur hin und wieder erinnern ausgestreckte Arme mit der kreisenden Hand an den Elefantenrüssel. Ganz am Schluss gibt es ein kleines Zugeständnis an alle, die es konkret mögen: Ein herziges Elefantenbaby sucht Anschluss an seine Herde, die sich zum gemeinsamen Schlafen niederlässt. Ist ja bald Weihnachten.

    Die Premiere dieser ungewöhnlichen Choreografie wurde ganz hervorragend getanzt von Ekaterine Giorgadze, Antonia Heß und Magdalena Stoyanova, von Christopher Basile, Hua-Bao Chien und Keith Chin. Dagmar Klein, 06.12.2010, Gießener Alllgeimeine Zeitung